Unheimlich (und) schön

Written word.

Der Krill im Getriebe

Wir waren Heldinnen. Das wussten nicht viele und das war auch okay so. Wir waren Heldinnen im Kleinen, das kleinste Zahnrad im Getriebe des großen Ganzen, der Krill zwischen den Walen. Wir nannten uns Fantastic Four, obwohl es keinerlei Parallelen zu der bekannten Comictruppe gab. Wir konnten uns weder bis ins Unermessliche dehnen oder uns unsichtbar machen noch waren wir schneller als das Licht oder gar aus Stein. Wir waren vier, das war alles. Dafür war unsere Quotenfrau ein Quotenmann. Immerhin das waren wir Marvel voraus. Unsere Superkraft war, zur Stunde null alles am Laufen zu halten. So unauffällig wie nur irgend möglich.

Wir hatten eine Festung aus Holz und Stein und Leder und Licht. Fast ein Jahrhundert alt und immer noch standhaft. Eine Schönheit aus einer anderen Zeit. Sah man an den sparsam angebrachten, der Entfluchtung dienenden Applikationen der Neuzeit vorbei, war es durchaus möglich, sich ganz ihrem eleganten Art déco hinzugeben. Und gleich darauf in weitere vergangene Jahrhunderte abzutauchen. Denn ihren vollen Zauber entfaltete diese unsere schöne Burg erst im Klang. Wenn sich die Türen schlossen und die Lichter erloschen, erfüllte jeder Ton den ganzen Saal bis auf den letzten Platz. Das eine Ende des Saals konnte hören, wenn am anderen eine Stecknadel fiel. Niemand konnte so gut lauschen wie dieser Saal, das im Takt pulsierende Herz dieses Hauses. Jeder Strich über Saiten um Saiten, jeder Luftstrom durch zahlreiche Körper, ob hölzern, blechern oder aus Fleisch und Blut, erfüllte Nacht um Nacht bis zu 2.800 Ohren.
Damit all das erfolgreich über die Bühne gehen konnte, mussten viele Zahnräder ineinander greifen. Wir waren eins davon. Wir kümmerten uns um die 2.800 Ohren und alles, was da noch so dran hing. Wir ließen die Menschen ein, wir wiesen ihnen den Weg, wir nahmen ihnen ihre Garderobe ab – für die meisten ein willkommener Service, für ein paar wenige, wenn man ihnen Glauben schenkte, ein Angriff auf ihre Menschenwürde.
Das Publikum unterschied sich, wenn es gut lief, nicht besonders von uns. Ein Abend verlief angenehm, wenn sowohl das Publikum als auch wir kaum auffielen. Was sich abseits der Bühne abspielt, gehört nicht ins Rampenlicht. Funktionierte alles so, wie es sollte, zog eine anonyme Masse gut gekleideter Menschen an einer anonymen Legion lächelnder Uniformierter vorbei. Wenn es hakte, dann an Gästen, die ihre Gastrolle mit der Hauptrolle verwechselten und unbedingt eine Szene einschieben wollten. An dieser Stelle waren wir gefragt. Die Fantastic Four. Es gehörte zum Job. Die Beleidigungen, die weltfremden Vergleiche mit den berüchtigtsten Diktaturen der Geschichten, das sinnlose Argumentieren gegen einen Schwall absurden Gezeters vollkommen ausgewachsener Menschen. Ziemlich sicher sind wir vier nur sehr gelinde überrascht über die kursierenden Diktaturvergleiche der jüngsten Geschichte. Wir haben schon sehr, sehr viel Mist gehört.

Nun ist es still. Zu lange schon. Kein Ton, keine Melodie, keine endlosen Wiederholungen harmonischer Schlussakkorde, die sehr deutlich zeigen, dass das Stück.
Jetzt wirklich.
Ganz sicher.
Zu Ende ist.
Kein Applaus, kein Getrampel begeisterter Füße erfüllen das Gemäuer. Nur Schweigen und das hin und wieder durch ein falsch verschraubtes Ventil auftretende Brummen eines Heizkörpers. Und wir?

Wir warten. Das können wir mittlerweile sehr gut. Wir räumen Arbeitsplätze auf, wieder und wieder und wieder. Wir arbeiten langsamer, weil wir mehr Zeit haben, und schlechter, weil wir zu viel Zeit haben. Weil wir die Zeit füllen müssen mit Aufgaben, die nirgendwo hinführen und deren Erledigung keinerlei Mehrwert hat. Unsere Zeit wird gekürzt, wieder und wieder. Und ab und zu stehen wir in unserem Haus, in seinem großen Herzen aus Holz und Leder, und hören ihm beim Knacken zu. Und wir wünschen uns lauschende Ohren und trampelnde Füße, dicke Mäntel und tropfende Schirme, nette Worte und dumme Diskussionen. Wir wünschen uns Klänge bis zum letzten Platz. Wir wünschen uns einhundert Stimmen aus Holz und Blech und Stahl und Nylon und Fleisch und Blut. Wir wollen es laut. So laut, dass die Stille danach wieder etwas bedeutet.

Seit einem Jahr sind wir jetzt nutzlos. Die meisten Zahnräder im Getriebe drehen sich langsamer, unseres aber steht still. Wir sind der Ballast, den es mit durch diese Krise zu schleppen gilt. Unsere Daseinsberechtigung scheint verwirkt. Der Weg zu dieser Haltung ist für größere Zahnräder im Getriebe wohl meist kein weiter. Auch zu Hochzeiten des Betriebs werden wir kleineren gern mal unterschätzt. Unser kleines Rad ist nun einmal nicht das größte, nicht das wichtigste, was macht es schon, wenn es ausfällt? Genau das jedoch ist ja die Krux mit Zahnrädern: Stockt eins, stocken alle. Wir wissen, dass es ohne uns nicht läuft. Und wenn es eines Tages wieder losgeht, werden wir unsere Arbeit ohne Zögern wieder aufnehmen. Wir werden dafür sorgen, dass die großen Räder ungehindert ihren Dienst tun können. Und wenn die Welt doch immer nur auf Wale schaut, nicht auf den Krill, wissen wir es besser: Wir sind Heldinnen.

Mir ist nichts passiert

TW: Belästigung, (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen, victim blaming.

Mir ist nichts passiert.
Ich hatte schon schlimmere Erfahrungen gemacht und es würden auch noch weitere kommen.
Hier aber blieb ich unversehrt. Und sehr, sehr wütend.


Ich war auf dem Weg von einer Freundin zu mir nach Hause. Ich erinnere mich nicht mehr an das Jahr, nicht mal an die Jahreszeit. Ich erinnere mich ebenso wenig an den Abend, den wir hatten. Was wir gemacht haben, worüber wir gesprochen haben. Ich hatte mir die Erinnerung nicht selbst vernebelt, ich war nüchtern. Es war einfach nur einer dieser vielen Abende, die man gemeinsam verbringt, schön, aber nicht weltbewegend. Die irgendwann miteinander verschwimmen und sich von der Masse nicht mehr abheben. Wäre da nicht dieser eine Moment, diese eine Geste, diese wütende Sturmflut gewesen. Und das, obwohl eigentlich nichts passiert ist.
Es ist nachts, irgendwann unter der Woche. Ich habe es nicht besonders weit und es ist fast nichts los. Es fahren keine Bahn und kein Bus mehr, also mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Ich gehe zügig, halte mich ausschließlich an große, gut beleuchtete Straßen und lasse meine Kopfhörer in der Tasche. Augen und Ohren auf meine Umwelt gerichtet. Alle Antennen auf Empfang. Ich habe beide Hände in den Jackentaschen, die eine umschließt mein Handy, die andere meinen Schlüsselbund, den größten Schlüssel daran fest zwischen Daumen und Zeigefinger. So weit, so alltäglich, das ist das kleine 1×1 des Frauseins.
Ungefähr auf der Hälfte der Strecke kommen mir zwei Personen entgegen. Sie reden laut, lachen, gestikulieren, schlagen einander immer wieder mit der flachen Hand vor die Brust. Sie wirken betrunken und gut gelaunt. Meine Antennen werden aktiv und verkünden: Achtung.
Das Gehabe und der Alkohol verblassen vor dem Grund Nummer eins, warum sich in mir alles anspannt: Die beiden Personen sind Männer. Sie sind zu zweit, ich bin allein. Und wär’s nur einer, wär’s auch egal, die meisten Männer dieser Welt sind mir nun mal körperlich überlegen.
Ich werde kurz langsamer, überlege, die Straßenseite zu wechseln. Bekomme Angst, dass das erst recht ihre Aufmerksamkeit erregt. Die andere Straßenseite ist außerdem schlechter beleuchtet. Seitenstraßen sind keine in Sicht, Kneipen, in die man sich flüchten könnte, auch nicht. Ich beschleunige wieder, halte den Blick geradeaus. Ich sehe die beiden nicht direkt an, behalte sie aber in meinem Sichtfeld. Als sie näher kommen, bemerken sie mich. Ich sehe Gesten in meine Richtung, ihr Tonfall verändert sich. Ich bin jetzt auf ihrem Radar. Dann bin ich auf ihrer Höhe.
Es geht alles sehr schnell. Als wir auf einer Höhe sind, tritt einer der beiden Männer mit einem großen Schritt auf mich zu, seine Hand schnellt hervor und will mir ins Gesicht oder ins Haar greifen. Wie von einem elektrischen Schlag getroffen weiche ich aus. Mein Kopf zuckt aus der Reichweite der Männerhand, meine Füße tragen mich blitzschnell vom Gehweg auf die Straße. Im Hirn sitzt jetzt die Amygdala am Steuer, der Fluchtreflex übernimmt, bevor der Frontallappen einwerfen kann, dass von hinten eventuell Autos kommen. Die konkrete Gefahr sind die zwei Männer rechts von mir, nicht die offene Straße links.
Dann ist die Situation vorbei. Die beiden Männer ziehen weiter, ich höre Gelächter. Sie haben mich erfolgreich verschreckt, mich wortwörtlich aus meiner Bahn befördert. Es ist nichts passiert. Mir ist nichts passiert. Und trotzdem kann ich kaum atmen. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Erst vor Schreck, doch der ist schnell vorbei. Was dann kommt, ist Wut. Kochende, beißende Wut. Sie schüttelt meine Gliedmaßen und treibt mir Tränen in die Augen.
Bis heute erfüllt mich diese Wut, wenn ich an die beiden Typen denke. Und ich hätte es ihnen gern gesagt, hätte ihnen ihr dummes Grinsen aus dem Gesicht gewischt und ihnen gesagt, dass des einen Scherz mitunter der anderen Trauma ist. Was für sie eine wahrscheinlich nicht groß durchdachte, impulsive Handlung war, die sie an der nächsten Kreuzung schon wieder vergessen haben, war für mich ein Moment nackter Angst. Was für sie ein Moment geringster Bedeutung in dieser Nacht war, prägte meine.
Während ich mich noch frage, ob es dumm war, zu Fuß zu gehen, weil ich ja als Frau nun mal mit so etwas rechnen muss, und gleichzeitig dem Himmel danke, dass mir nichts passiert ist, schäumt es so sehr in mir, dass ich innehalte. Nicht physisch, ich gehe in geradezu olympisch anmutendem Tempo den Rest des Weges nach Hause. Innerlich aber halte ich inne und höre zu. Was ist es genau, das mich so erzürnt? Es ist doch nichts passiert.
Ich kam der Sache in jener Nacht nicht mehr auf den Grund. Der Staub musste sich erst legen, dann sah ich klar, was ihn so aufgewirbelt hatte: die Selbstverständlichkeit des Raumes. Denn es ist sehr wohl etwas passiert.


Jeder Schritt, jede Geste, jede Grenzüberschreitung – der Raum wurde von den beiden Männern mit einer Selbstverständlichkeit eingenommen, die suggeriert, dass sie es nie anders gekannt haben. Sie haben ihn sich nicht erkämpfen müssen und kennen es nicht, dass er ihnen ernsthaft streitig gemacht wird, geschweige denn ungefragt eingenommen. Diese Selbstverständlichkeit des männlichen* Raumes ist, fängt man einmal an, darauf zu achten, allgegenwärtig. Währenddessen huschen und ducken sich Frauen* überall auf der Welt so lautlos und unsichtbar wie möglich vorbei, für den Fall, dass sie für die Behauptung ihres eigenen Raumes einen zu hohen Preis bezahlen müssen. Diese Angst, den männlichen Raum zu stören, ist ebenfalls allgegenwärtig.
Margaret Atwood, Gloria Steinem und Amy Schumer haben einiges gemeinsam. Sie schreiben großartige Texte, sie haben extra viel Humor, sie sind kluge und unumstößliche Feministinnen. Und sie haben in ihren Werken, in Vorträgen und in Comedy Specials in der einen oder anderen Form eines festgehalten: Männer befürchten von Frauen am meisten, dass sie sich über sie lustig machen. Frauen hingegen befürchten von Männern am meisten, dass sie ihnen Gewalt antun. Über diese Erkenntnis kann man eigentlich nur lachen, wäre es nicht so gefährlich.
Es lässt sich natürlich nicht in Zahlen ausdrücken, wie oft Männer Opfer weiblicher Witzeleien werden. Sicher ist, dass sie wohl zu 100% körperlich unversehrt aus der Sache herauskommen. Wie oft Frauen Opfer männlicher Gewalt werden, ist hingegen mit schrecklich klaren Zahlen belegt. Jede dritte Frau (deutschland- und weltweit) hat schon einmal physische und/oder sexuelle Gewalt erlebt. Die Polizeiliche Kriminalstatistik beispielsweise hat im Jahr 2019 insgesamt 53.322 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (darunter sexuelle Belästigung, Missbrauch, Nötigung, Vergewaltigung bis hin zur Todesfolge) erfasst. 93,2% der Tatverdächtigen waren männlich, 94,2% der Opfer weiblich. Zum Regelfall gehört die Partnerschaftsgewalt, zu der es in Deutschland ebenfalls genaue Statistiken gibt: 2019 waren 81,3% aller Opfer von Partnerschaftsgewalt Frauen. Bei Fokussierung auf sexuelle Gewalt steigt die Zahl auf 98,4%. Der überwiegende Teil der Tatverdächtigen ist männlich. Eine gesonderte Statistik dieser Art zu Femiziden generell, also Tötungen von Frauen wegen ihres Geschlechts, gibt es nicht. In allen Fällen kann wie so oft davon ausgegangen werden: Die Dunkelziffer ist gewaltig.
Fest steht: Männer vergreifen sich an Frauen, immer wieder. Und es heißt dann auch immer wieder: Wäre sie doch nicht nachts allein unterwegs gewesen. Hätte sie sich doch nur anders gekleidet. Hätte sie doch nur nichts getrunken. Hätte sie doch nur nichts gesagt. Hätte sie doch nur nicht gelacht. Hätte sie sich doch nur nicht in seinem Raum aufgehalten, dann wäre ihr wohl nichts passiert.
Ihr Raum existiert in dieser Perspektive nicht. Sie ist das störende Objekt, das entweder glimpflich davon kommt oder eben nicht. Sie ist das Objekt, das in die Passivität gedrängt wird, wenn ihm etwas zustößt, und das dann victim blaming erfährt, weil es nicht aktiv etwas gegen die Möglichkeit eines Übergriffs unternommen hat. Das ist so lächerlich, dass es vor Lachen schon schmerzt.


Es ist mittlerweile nichts Neues mehr, dass die Schuld für die Misere im Patriarchat liegt. Diesem System von Männern für Männer, in dem Frauen Nebendarstellerinnen sind. Diesem System, das bequem weiter existiert, weil es von seinen Hauptdarstellern noch immer nicht genügend in Frage gestellt wird. Es wird von ihnen nicht ordentlich entpackt, nicht gründlich seziert, bis auf den misogynen Kern, der jeden schweigenden Mann zum stillen Komplizen macht.
Wir, die wir keine Männer sind, sind nicht Schuld an diesem System. Wir kämpfen schon sehr lange dagegen an. Doch es ist nicht an uns allein, das System zu verändern. Und es ist auch nicht an uns, zu erklären, wie das geht. Es ist an euch, die ihr Männer seid, die Anstrengung aufzubringen. Zu verstehen, warum und wofür wir kämpfen.
Zu verstehen, warum #notallmen nichts, wirklich gar nichts bedeutet. Zu verstehen, dass wir nun mal nicht all men kennen, und deshalb von dem ausgehen müssen, was wir wissen.
Zu verstehen, dass es deshalb #yesallmen heißt, so lange sich nichts ändert. Zu verstehen, dass #yesallmen bedeutet, dass jeder von euch zu einer Bedrohung für jede von uns werden kann und deshalb als solche wahrgenommen wird.
Zu verstehen, wie es sich für uns anfühlt, nachts allein nach Hause zu gehen. Warum wir dabei so viele Dinge gleichzeitig beachten und befolgen. Warum wir einander bitten, zu schreiben, wenn wir gut angekommen sind. Warum wir heulen müssen vor Wut, weil eine kleine, unüberlegte, als Scherz gemeinte Geste uns im Bruchteil einer Sekunde aus der vermeintlichen Gleichstellung aller Geschlechter zurückdrängt in die Rolle des Beutetiers, das dem Raubtier davongekommen ist. Oder eben nicht.

Ich kam zu Hause an. Ich schrieb meiner Freundin.
Mir ist nichts passiert.

//

(*Ich habe lange überlegt, ob ich mit der binären Einteilung der Geschlechter in Männer und Frauen arbeiten sollte. Ich bin schließlich dabei geblieben, nicht aber, ohne ein paar Worte dazu zu verlieren. Mein Ziel ist natürlich nicht, Personen, die sich der binären Geschlechtereinteilung nicht zuordnen, auszuschließen. Es geht in diesem Text zum Einen um Gewalt gegen Frauen. Die zitierten Statistiken nehmen lediglich die binäre Unterscheidung vor und können daher nicht zu einer Aussage über eine differenziertere Geschlechterverteilung unter Tatverdächtigen und Opfern herangezogen werden. Dieses Kapitel zu öffnen, hätte den Rahmen des Textes und auch meiner Kapazitäten gesprengt. Denn zum Anderen stützt sich der Text auf persönliche Erfahrungen, die ich als Cis-Frau ausschließlich mit Cis-Männern gemacht habe. Auf andere Erfahrungen kann ich mich nicht beziehen und könnte höchstens Spekulationen anstellen, was der wahrhaftigen Erfahrung jener, die sich im binären System der Geschlechtereinteilung nicht wiederfinden, nicht gerecht würde.)

There’s nothing to feel here // Hier gibt es nichts zu fühlen

I woke up this morning
to the news
and I felt nothing
another state another city
another eight nine ten dead
shot in the chest shot in the head
just like that
and I felt nothing
another night of one side
compassionately pleading
passionately demanding
another day of the other side
saying it’s people not guns
who kill people
with guns
so I closed the window
and I felt nothing.

I wake up each morning
to the news
and I feel nothing
another week another toll
cases rising people dying
doctors pleading MPs lying
on and on
and I feel nothing
we’ve lost track of time
a year ago maybe
we’ve lost count
of however long
ago it may
be
so I close my eyes
and I feel nothing.

I see my friend
for another night
the kind of which we used to have
plenty
for another night
the kind of which
we haven’t had for
a winter at least
so I see my friend
we have pasta
we watch a show
we share laughs
we share a hug
and then she leaves
and then I cry
and I feel
everything.

//

Ich erwache heute Morgen
zu den News
und ich fühle nichts
ein weiterer Staat eine weitere Stadt
weitere acht neun zehn Leben verflossen
in Brust und Bauch und Kopf geschossen
einfach so
und ich fühle nichts
eine weitere Nacht der einen Seite
mitfühlend bittend
leidenschaftlich fordernd
ein weiterer Tag der anderen Seite
behauptend es seien Menschen nicht Waffen
die Menschen töten
mit Waffen
also schließe ich das Fenster
und ich fühle nichts.

Ich erwache jeden Morgen
zu den News
und ich fühle nichts
eine weitere Woche eine weitere Zahl
MPs lügen Fälle steigen
Ärzte schimpfen Menschen leiden
weiter immer weiter
und ich fühle nichts
wir haben die Zeit verloren
vor einem Jahr wohlmöglich
wir haben uns verzählt
nach all der Zeit
ist das wohl
möglich
also schließe ich die Augen
und ich fühle nichts.

Ich sehe meine Freundin
für eine weitere Nacht
wie wir sie so oft hatten
eine weitere Nacht
wie wir sie nicht hatten
mindestens einen Winter lang
also treffe ich meine Freundin
wir essen Pasta
wir schauen fern
wir lachen miteinander
wir umarmen einander
und dann geht sie
und dann heule ich
und ich fühle
alles.

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