Unheimlich (und) schön

Written word.

And maybe we’ll have learned

I have been both
over- and underwhelmed
constantly and simultaneously
for almost seven months
now
it’s fall
and your Pumpkin Spice Latte
is my gloomy acoustic playlist on Spotify
and my anxiety
is a little clueless so
it’s been darting this way and that
bouncing off the walls
hitting me when I saw it coming and
when I didn’t
it’s fall
and it’s getting darker and
it’s getting worse again and
I’m not so sure we are
the crown of all creation
the best evolution has to offer
couldn’t it be
the tiny things
at the bottom of the sea
or possibly pigeons
but not us
not like this
forgive me
it’s fall
and my cynicism might read
less harsh in the spring
but I promise it will be
just as strong
and your artisan cucumber and turmeric lemonade
will be my mellow folk playlist
and maybe we’ll have learned a thing or two.

Ich hatte einst Salat auf dem Balkon

Ich hatte einst Salat auf meinem Balkon. Ich hatte plötzlich Zeit und einen großen Balkon, der vor allem durch seine gähnende Leere bestach. Also besorgte ich Pflanzen. Gemischte Blumen für Bienen und Hummeln. Kräuter für die Küche. Zuckerhutfichten, weil das sehr kleine, sehr langsam wachsende Nadelbäume sind und auch ein bisschen, weil sie so heißen, wie sie heißen. Und Salat. Praktisch in Form eines Vlieses, das man einfach in einen Blumenkasten legen, mit Erde bedecken und gießen muss, und zack! Salat.  

Mein Salat war die erste Pflanze, die Blüten trug, und – abgesehen von den Zuckerhutfichten – die einzige, von der ich dies nicht erwartet hatte. Doch da waren sie, zarte, gelbe Blüten und längliche, gezackte Blätter. Wie sehr zierlicher Löwenzahn. Ich hatte also Salat und der Salat hatte Blüten.  

Ich hatte gleichzeitig die Idee, mich nicht nur um Pflanzen, sondern auch um Vögel zu kümmern. Es war sehr warm und sehr, sehr trocken und die Meisen und Sperlinge waren fleißig und – da war ich mir sicher – sehr, sehr durstig. Also stellte ich eine kleine Schale auf, füllte sie mit Wasser und wartete. Und die Vögel kamen.  

Ihre Ankunft kündigte sich mit der Landung auf dem Balkongeländer an. So laut, dass ich erschrocken aufsah. Ich hatte Meisen, Amseln, Sperlinge erwartet. Ich bekam stattdessen die Majestät unserer städtischen Lüfte, den Gossenadler, wenn man so will.  

Tauben.  

Ich sah also auf, erschrocken von dem lauten Knall, der noch eine Weile durch mein Balkongeländer dröhnte, und meine Mimik spiegelte sich in meinem gefiederten Gegenüber wider. Und vielleicht war dieser erschrockene Gesichtsausdruck auf beiden Seiten der Beginn unserer wunderbaren Freundschaft. Wie bereits erwähnt hatte ich viel Zeit, also wurde ich Zeugin eines sich täglich steigernden Schauspiels dieser unerklärlichen Überlebenskünstler. Vom nach dem ersten Aufprall noch schwingenden Balkongeländer wurde stets zunächst skeptisch die Lage gecheckt. Da ich immer direkt ins Visier genommen wurde, gehe ich davon aus, dass Tauben durch Fenster sehen können. Mehrere Minuten lang wurde ich mit diesem der Taube eigenen Blick der grenzenlosen Überraschung gemustert, dann erfolgte der finale Flügelschlag in Richtung Wasserschale, die übrigens nicht besonders groß ist. Während eine Amsel problemlos auf ihrem Rand thronen und daraus trinken könnte, ja Meisen gar im Rudel Ringelreihen tanzen könnten, geriet die Konstruktion unter der gemeinen Stadttaube gehörig ins Schwanken. Dies wiederum führte mehrfach dazu, dass besagte Taube erschrak und stark flatternd wieder aufs Balkongeländer floh, um erneut mich ins Visier zu nehmen. Empört und gleichzeitig, so schien es, erstaunt über ihr eigenes abenteuerliches Unterfangen. 

Ich war nicht gerade begeistert, als ich feststellte, dass mein frisch begrünter Balkon keinerlei andere Besucher anzog. Ich würde behaupten, dass ich alle Tiere respektiere. Die meisten finde ich super, viele finde ich so niedlich, dass eine Begegnung mit ihnen sofort meine Laune hebt. Einigen will ich nicht begegnen, weil ich mir ihrer physischen Überlegenheit bewusst bin, anderen, weil ich mich so ekele, dass mir meine eigene physische Überlegenheit plötzlich nicht mehr einfällt. Die Taube genießt ganz allein einen Sonderstatus. Ich respektiere sie, doch ich kann sie einfach nicht ernstnehmen.  

Sie schaut permanent verwundert aus der Wäsche, als wäre sie allzeit vollkommen überfordert davon, einen Sinn aus ihrer Umwelt zu ziehen. Sie baut ihr Nest mit so wenig Geschick, dass sich aus dem heruntergefallenen Material zwei weitere Nester bauen lassen würden. Sie fliegt mit einem Flügelschlag, der entweder klatscht oder pfeift oder klatscht und pfeift. Sie vergisst manchmal, dass sie überhaupt fliegen kann, und versucht, zu Fuß vor Fahrrädern und Straßenbahnen zu fliehen, dabei schwer eingeschränkt durch ihren ihr eigenen headbangenden Gang. Sie legt mitunter Flugmanöver hin, die draufgängerisch wirken könnten, würde es sie nicht jedes Mal selbst aus dem Tritt hauen, wenn es mal wieder fast zur Kollision kommt. Sie frisst alles. Wirklich alles. Und sie scheißt. Oh, sie scheißt.  

Wenn “meine” Tauben auf der Regenrinne landen, die knapp über den Fenstern meiner Dachgeschosswohnung hängt, frage ich mich jedes Mal nicht ohne Sorge, wie lange die Rinne das noch mitmacht. Wenn sie auf dem Wellblechdach des Balkons der Wohnung unter mir landen, klingt es, als würde jemand mit Schwung die Schiebetür eines sehr großen, alten Autos zuwerfen. Sie haben kaum Halt, schlittern über das Wellblech, stoßen sich dabei den Hintern an den Wellen, müssen mit den Flügeln schlagen, um nicht direkt wieder einen Abgang über den Rand in die Tiefe zu machen. Dennoch werden sie nicht müde, immer und immer wieder dort zu landen, um sich immer und immer wieder dort zu prügeln.  

Vielleicht hält sich die Taube einfach für deutlich leichter, als sie ist. Ich kenne einen Kater, der genau diese Einstellung zu sich selbst hat. Er wiegt um die acht Kilo, schafft es aber, seinen Menschen zu suggerieren, dass ihre Schöße zu klein und ihre Bauchmuskeln zu untrainiert sind, wenn er mit einem Hechtsprung darauf Platz nimmt. Weniger vorwurfsvoll, aber nicht weniger hartnäckig hält es die Taube mit den dünnsten Zweigen, die sie finden kann. So ein Baum im Allgemeinen ist ja eine ziemlich unerschütterliche Konstruktion. Auftritt Taube. Sie wählt ihren Zweig, lässt sich nieder und es ist immer ein bisschen wie im Cartoon, wenn der Zweig scheinbar kurz zögert, dann nachgibt und sich so weit durchbiegt, dass die Taube erst im 90-Grad-Winkel zur Seite kippt, bevor sie sich unter lautem Getöse des eigenen Flügelschlags erhebt. Um dann erneut genau diesen einen Zweig zu wählen, weil genau dort diese eine Kirsche hängt, die den Kampf übrigens gewinnt.  

Was sich mir in der isolationsbedingten Zeit der Naturbeobachtungen auch häufiger zeigte, als mir lieb war, war das Paarungsverhalten der Tauben. Während das Balzverhalten mit seinen den Damen hinterherfliegenden, sich aufplusternden und wieder und wieder im Kreis tanzenden Täuberichen irgendwie noch ganz lustig mit anzusehen ist, ist das, was folgt, ernüchternd bis deprimierend. Denn irgendwann gibt die verfolgte Taubendame nach, lässt sich begatten und rückt danach betont vom Täuberich ab. Diese Szene bot sich mir auf dem Balkon gegenüber, dem höchsten Punkt der Nachbarschaft, im strömenden Regen, und hatte damit die geballte Leidenschaft eines deutschen Fernsehkrimis. 

Wie aber passt nun der blühende Salat zu diesem endlosen Geschwafel über Tauben? Ich hatte ja erwähnt, wie zart mein Salat seine strahlend gelben Blüten gen Himmel reckte. Ein paar Tage lang entzückte er damit, dann kam das, was offenbar auf die Paarungszeit folgt und vielleicht eine Art Revierkampf darstellen soll? Um ehrlich zu sein, erschließt sich mir der Sinn und Zweck bis heute nicht, ich weiß nur eins mit Sicherheit: Tauben kloppen sich. Mit mehr Leidenschaft als zur Balz prügeln sie sich über Dächer, durch Baumkronen und über Balkone. Es kam vor, dass sich zwei über das Dach meiner Wohnung hinab in Richtung meines Balkones boxten, dann gerade so über meinem Kopf auseinander stoben, um den Kampf in der Krone der nichts ahnenden Erle wieder aufzunehmen. Und durch mein Küchenfenster wurde ich Zeugin des abrupten Endes der Salatblüte.  

Wie man sich so elendig eingängig mit der so genannten Ratte der Lüfte beschäftigen kann? Nun, ich muss zugeben, dass sie sich doch ein wenig in mein Herz geflattert haben. Ich wusste nicht, dass trinkende Tauben etwas Anrührendes haben, immer wieder unterbrochen durchs plötzliche Aufsehen, um doch noch einmal die Lage zu checken, dabei Wasser in alle Richtungen spritzend. Und wenn das nicht überzeugt, dann vielleicht dies: Ich. Hatte. Zeit. Und die Geschichte meiner Isolation wird für immer mit diesem Satz beginnen: Ich hatte einst Salat auf dem Balkon.   

Runter zum Fluss.

Der Weg runter zum Fluss
ist trocken und pikst
uns in die Waden und Sohlen und zwischen die Zehen
kriecht der Staub und bleibt
es ist August.

Der Fluss ist flach
nur bis zur Mitte zwischen Fuß und Knie
spült er kühl ein bisschen Dreck
und Pollen und Staub
kriecht die Waden hoch und bleibt
es ist Sommer.

Den Fluss trifft an der Ecke
ein zweiter und für einen Moment
so ein paar Meter lang
spülen beide Gewässer
den Sand weg und spülen
die Oberfläche bis zur Brust
und um Brust und Hals und Kopf
kreisen die Bremsen und bleiben
es ist August.

Links und rechts und oben und unten
von uns tobt es Blitze und Donner und Wasser
wirft der August
nur hier bei uns
steht er still ganz still
auf dreiunddreißig Grad
kriecht er und klebt und bleibt.

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